Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen,
so ist dadurch schon das Häßliche gesetzt.
Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen,
so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.
Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.
Schwer und Leicht vollenden einander.
Lang und Kurz gestalten einander.
Hoch und Tief verkehren einander.
Stimme und Ton sich vermählen einander.
Vorher und Nachher folgen einander.
Also auch der Berufene:
Er verweilt im Wirken ohne Handeln.
Er übt Belehrung ohne Reden.
Alle Wesen treten hervor,
und er verweigert sich ihnen nicht.
Er erzeugt und besitzt nicht.
Erwirkt und behält nicht.
Ist das Werk vollbracht,
so verharrt er nicht dabei.
Und eben weil er nicht verharrt,
bleibt er nicht verlassen.

— Tao Te King, übersetzt von Richard Wilhelm

Unsere Welt erscheint uns so, wie wir sie interpretieren. Was für den einen schön ist, erscheint dem anderen hässlich. Wir sind es gewohnt, in unserem Leben Dinge mit Werten und Urteilen zu belegen. Diese Gewohnheit macht die meisten von uns unruhig und unzufrieden. Oft hindert sie uns sogar daran, Entscheidungen zu fällen, die in unserem besten Sinne wären. Wie können wir es anders machen?

Indem wir anfangen, nicht zu werten, oder genauer: immer häufiger nicht oder weniger zu werten. Der „Weise“, also der Mensch, der sich dem Leben anpaßt, nimmt die Dinge, wie sie kommen. Er handelt lieber, anstatt weiter die Welt in Schön und Hässlich, Gut und Böse, Weiß und Schwarz einzuteilen. Worte zerteilen die Welt, weil sie Urteile fällen. Der Weise hält möglichst nicht an Dingen, Gefühlen, Situationen und Personen fest. Alles im Leben hat seinen natürlichen Rhythmus. So wie jeden Tag die Sonne aufgeht und abends wieder versinkt, so kommt beispielsweise Erfolg und geht auch wieder, nur um später wieder zu kommen und wieder zu gehen. Bei Freundschaften und Partnerschaften ist das ganz genauso: Manche bestehen ein Leben lang, andere halten nicht so lange. Wenn wir versuchen, bestimmte Früchte des Lebens krampfhaft festzuhalten, haben wir eine Weile später nur faules Obst in der Hand. Solange wir uns an die Vorstellung klammern, erfolgreich sein zu müssen, solange werden wir uns sehr anstrengen müssen. Es ist fast so, als würden wir versuchen, jeden Tag mit aller Kraft die Sonne am Untergehen zu hindern. „Erfolg“ erstreckt sich dabei auf alle Arten des Erfolgs: im Privatleben, im Beruf, im Spirituellen. Der altbekannte Spruch „Wenn du jemanden liebst, laß ihn los“ deutet genau darauf hin. Je mehr wir loslassen, je mehr wir den Dingen ihren Lauf lassen, je weniger wir versuchen, sie zu kontrollieren, desto zufriedener sind wir. Die große Erkenntnis ist die, daß zielgerichtetes Handeln sehr oft erfolglos bleibt, und daß Handeln ohne Erfolgsabsicht (das, was im Dao De Jing als „Tun ohne zu tun“ bezeichnet wird) sehr oft zu einem vorteilhaften Ergebnis kommt.

Tun ohne zu tun? Wie machen wir das?

Ein Versuch: Nehmen Sie sich eine Situation vor, privat oder geschäftlich, in der Sie Handlungsspielraum haben, in der Sie also etwas tun können. Setzen Sie sich hin und beobachten Sie die Situation (entweder vor Ihrem geistigen Auge oder direkt vor Ort). Versuchen Sie, möglichst nicht zu urteilen. Beobachten Sie genau. Dann wird etwas ganz Erstaunliches passieren: Sie spüren oder wissen plötzlich, was zu tun ist. Dieses Gefühl oder Wissen kommt aus Ihrer Intuition, und die ist direkt mit dem Strom des Lebens verbunden. Das ist das intuitive Wissen, von dem die Weisen sprechen.

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