Wir leben in einer Zeit, in der wir überall über Meinungen stolpern. Manchmal leise vorgetragen, manchmal laut in die Welt hinausgebrüllt. Meinungen scheinen die neue Währung in den Medien zu sein. Die einen haben „linke“ Meinungen, die anderen haben „rechte“. Einer findet Hü ganz toll, und der andere findet Hott richtig super. Egal was: Diese Meinungen füllen scheinbar den Großteil aller verfügbaren Informationen, die täglich auf uns einprasseln. Aber sind unsere Meinungen wirklich wichtig? Tragen sie wirklich dazu bei, das Gute in der Welt zu vergrößern und uns Seelenfrieden zu bringen? Blicken wir zurück in frühere Zeiten, in Zeiten, in denen es noch keine tägliche Beschallung mit „Nachrichten“ gab. Was damals wichtig war, immens wichtig, waren Geschichten. Geschichten vermittelten unsere Kultur, unsere Werte, unsere Sagen, unsere Mythen. Und sie spendeten Trost, sie machten Mut, sie umarmten uns mit zeitloser Weisheit. Ohne Geschichten, so sagen Ethnologen, hätten wir Menschen nicht überlebt. Heute scheinen wir die Wirkung von Geschichten vergessen zu haben. Unsere neuen Geschichten sehen vielleicht nur aus wie Geschichten, aber in Wirklichkeit sind es verkleidete Meinungen.

Kommt Ihnen das bekannt vor:

„Egal, was Sie sehr Sie sich anstrengen, es wird immer jemanden geben, der alles geschenkt bekommt. Das ist unfair!“

„Mit Ehrlichkeit kommt man heute nicht weit. Schaut euch doch die Reichen an! Alle haben sie Dreck am Stecken.“ 

„Jeder will mich übers Ohr hauen. Ich vertraue nur mir selbst.“

Wo bleibt die Geschichte? Wo bleibt der Kern, der uns Mut macht? Der uns zeigt, wie schön die Welt sein kann, auch wenn sie manchmal richtig scheiße ist? Vergrößern diese „Geschichten“ das Gute in der Welt oder machen sie sie ein Stück dunkler? Deshalb: Haben Sie Mut und erzählen Sie Ihre Geschichten. Die Welt braucht unsere Geschichten, das wissen beispielsweise die australischen Ureinwohner seit Zehntausenden von Jahren. Auch unsere Familien wußten das dereinst. Haben Sie Mut!

Ich mache gerne den Anfang und erzähle einer meiner Geschichten:

Vor fast 20 Jahren reiste ich nach Sri Lanka. Damals war das Land noch relativ unberührt. Die Straße — es gab nur eine Straße, die um die gesamte Insel führte, war von Schlaglöchern übersäht, nach Regen so gut wie unpassierbar und saugefährlich. 

Die Singhalesen: freundlich, sehr neugierig und wider Erwarten laut (vor Lebensfreude). Alles in allem ein wunderschöner Kulturschock, zu gleichen Anteilen erschreckend (ich hatte zuvor noch nie Menschen ohne Beine gesehen, die sich auf Rollbrettern fortbewegten, oder Sadhus, heilige Männer, die ihren linken Arm seit Jahren nach oben in die Luft streckten, so lange, bis er völlig verdörrt war) und zutiefst bewegend (der Zahntempel des Buddha in der Hauptstadt ließ mich mit seiner Energie buchstäblich auf die Knie fallen). 

Ich wohnte in einem traditionsreichen, mehr als 100 Jahre alten Hotel, das vor kurzem renoviert worden war und traditionelle singhalesische Küche servierte. Traumhaft. Mein Zimmer lag direkt am Meer. Die See hat eine ganz besondere Bedeutung für mich, sie steigert mein Glücksempfinden. Stehende Gewässer wie beispielsweise Seen haben diese Wirkung nicht auf mich. Auch glattes Meer ohne Wellen wie etwa in Thailand spricht mich nicht sonderlich an. Wenn das Meer wild ist, freut sich mein Herz. 

Der Indische Ozean in Sri Lanka war schön wild. Jeden Nachmittag wuchsen die Wellen, die an den Strand brandeten, so an, daß sie mehr als mannshoch waren. Genau richtig für mich. Ich stürzte mich ins Meer, plantschte, paddelte, ließ mich von den Wellen herumwerfen. Dann wurde ich übermütig. Gut gelaunt rief ich dem Meer zu „Ist das alles, was du auf Lager hast?“ Das Meer ließ nicht lange auf sich warten. Plötzlich drosch eine riesige Welle aus dem Nichts auf mich ein. Gleichzeitig zog mir die Unterströmung den Meeresboden unter den Füßen weg. Und dann weiß ich nur noch, wie ich in einer riesigen, unerbittlichen Waschmaschine gefangen war. Die Welle wirbelte mich herum wie eine Puppe. Irgendwann, ich hatte kaum noch Luft, schlug mich das Wasser mit enormer Wucht auf den Meeresboden. 

Ich hörte etwas knacken, dann lag ich am Strand. Der Schmerz in meinem linken Knöchel war fast unerträglich. Sie müssen wissen, ich bin mein gesamtes Leben lang Vollkontakt-Kampfsportler gewesen, aber diese Art von Schmerz war viel, viel größer. Ich konnte meinen Fuß nicht sehen, weil der noch von Wasser umspült war, aber es fühlte sich an, als stünde er im rechten Winkel nach hinten. Als sich die Welle endlich zurückgezogen hatte, sah ich, daß mein Knöchel auf ungefähr Tennisballgröße angeschwollen war. Oben an der Hotelbar hatte mich einer der Angestellten beobachtet, zog mich aus dem Wasser (danke, du guter Mensch!) und brachte mich zum Hotelarzt. Der verschrieb mir eine ordentliche Ladung Schmerzmittel und eine Salbe für das Gelenk. 

Die Schmerzmittel rührte ich nicht an. Und die Salbe half nichts. Drei Tage vergingen, und mein Knöchel schwoll immer mehr an. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Um mich abzulenken, humpelte ich vor das Hotel. Ich wollte zum nahe gelegenen Markt. Da sprach mich ein Singhalese an: „You injured?“, fragte er, sind Sie verletzt? Ich bejahte, und er antwortete: „I know good doctor“, ich kenne einen guten Arzt, „traditional doctor, you know, good doctor!“, also einen traditionellen Doktor. Mein Bauchgefühl sagte mir sofort: Fahr mit diesem Mann mit! Ich hievte mich ins Tuktuk. Nach fast einer halben Stunde Fahrt mitten durch den Urwald bekam ich dann doch ein mulmiges Gefühl. 

Aber ich sagte mir, wenn er dich zur Seite schaffen will, dann hätte er das schon lange tun können. Also: ruhig bleiben. Alles wird gut. Kurze Zeit später hielt der Tuktuk-Fahrer an. Wir standen vor einem winzigen Haus, uralt, mitten im Wald. Um das Haus herum waren Holzbänke aufgestellt, auf denen Einheimische saßen. Wir grüßten uns freundlich, und der Tuktuk-Fahrer bedeutete mir, ich solle mich setzen und fuhr dann wieder weg, nachdem er mir gesagt hatte, er komme in einer Stunde wieder. Ich wartete einige Zeit, dann kam ein Mann mittleren Alters aus dem Haus. Ging zu mir, fragte mich nach meinem Namen. Deutete auf meinen Knöchel, sagte aber nichts. Dann führte er mich um das Haus herum: überall Heilpflanzen. 

Er erzählte mir viel darüber, „diese Pflanze ist gegen Migräne“, „diese Pflanze verwenden wir als Heiltee“, „diese Pflanze ist gegen Krebs“. Ich nickte. Dann, Sekunden später, was? WAS? Gegen Krebs? Er lächelte. Wir gingen weiter. Nachdem wir das Haus umrundet hatten, setzte ich mich wieder, und eine sehr, sehr alte, kleine Frau kam zur Tür heraus. „Das ist meine Großmutter“, sagte der Mann, der mich herumgeführt hatte. 

Die alte Frau hatte warme, gütige Augen. Und sie sah ganz tief in mich hinein. Dann stellte sie mir eine Frage, auf Singhalesisch. Ihr Enkel übersetzte: „Großmutter fragt, ob du das Meer beleidigt hast?“ Mir lief es eiskalt über den Rücken. Der Tuktuk-Fahrer hatte nichts erzählt. „Ja“, nickte ich kleinlaut. Dann kramte sie aus einem Korb ein riesiges, dunkelgrünes Blatt hervor, und brach die Adern, bis Saft herauslief. 

Dann schraubte sie einen kleinen Tiegel auf. Ein stechender Geruch stieg in meine Nase. Mit einem Wattestäbchen tupfte sie eine erbsengroße Menge der Paste auf meinen Knöchel. Und ich hatte das Gefühl, ein eiskalter Blitz stieß quer durch meinen Knöchel, bis er auf der anderen Seite wieder herauskam. Danach war der Schmerz verschwunden und kam nicht mehr zurück. Großmutter wickelte das Blatt um meinen Knöchel und fixierte es mit einer Mullbinde. Bezahlen mußte ich fast überhaupt nichts — aber ich mußte versprechen, ihr Verbandsmaterial zu schicken, sobald ich wieder zuhause war. Ehrensache. Was für eine wunderbare Welt!

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