Die Tüchtigen nicht bevorzugen,
so macht man, daß das Volk nicht streitet.
Kostbarkeiten nicht schätzen,
so macht man, daß das Volk nicht stiehlt.
Nichts Begehrenswertes zeigen,
so macht man, daß des Volkes Herz nicht wirr wird.
Darum regiert der Berufene also:
Er leert ihre Herzen und füllt ihren Leib.
Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen
und macht, daß das Volk ohne Wissen
und ohne Wünsche bleibt,
und sorgt dafür,
daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen.
Er macht das Nichtmachen,
so kommt alles in Ordnung.

Tao Te King, Kapitel 4, übersetzt von Richard Wilhelm

Zuviel des Guten bringt Unfrieden und Unsicherheit. Das gilt für die Führung eines Staates ebenso wie für unser tägliches Leben. „Gelegenheit macht Diebe“ weiß der Volksmund, und tatsächlich ist dieses Sprichwort eine der Weisheiten, die wir selbst im Alltag erfahren können. Der weise Mensch herrscht, indem er die Herzen der Menschen leert, auch sein eigenes. Wenn wir unser Herz leeren, versuchen wir, neutral zu sein, wenig zu urteilen und wenig Meinung zu haben. Kurz: Der Weg führt uns zu einem Leben, das gefühlsbetonter und intuitiver ist, ohne aber auf den Kopf zu verzichten: Das ist das Bild des „vollen Bauches“. Wer satt und gesund ist (also „starke Knochen“ hat), der beschäftigt sich ganz automatisch weniger mit philosophischen Fragen, die man niemals eindeutig beantworten können wird. Und diese Unbestimmtheit ist es, die uns umtreibt, nervös macht und anstachelt: Irgendwo muß es doch eine Antwort auf meine Fragen geben?

Im Daoismus strebt der Mensch danach, täglich ein bißchen spirituelles „Wissen“ abzubauen — wer könnte schon wissen, ob es Leben nach dem Tod gibt? Ob Gott wirklich existiert? Ob wir wiedergeboren werden? Alles das sind philosophische Fragen, die uns nicht ruhen lassen. Wenn wir glauben, die endgültige Antwort gefunden zu haben, passiert etwas, oder wir lesen, sehen oder hören etwas, das unsere Meinung wieder ins Wanken bringt. Und das Spiel geht von vorne los. Wie ermüdend!

Leeren Sie Ihr Herz, füllen Sie Ihren Bauch und halten Sie sich gesund, so sehr es geht. Das, und nur das, wird Ihnen inneren Frieden bringen. Sie gehen dann jeden Tag auf den Frieden zu. Zu-friedenheit. Seien Sie natürlich. Handeln Sie, wenn Sie handeln müssen. Und tun Sie es, ohne irgendeinen Vorteil oder Ziel damit zu verfolgen. Das ist das Leben im Fluß.

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