Der Sinn, der sich aussprechen läßt,
ist nicht der ewige Sinn.
Der Name, der sich nennen läßt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.
Beides ist eins dem Ursprung nach
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor, durch das alle Wunder hervortreten.

— Tao Te King, Kapitel 1, übersetzt von Richard Wilhelm

 Können wir über die Wirklichkeit reden? Klar, können wir — aber die Frage ist: Worüber reden wir dann wirklich? Über die Wirklichkeit — oder darüber, wie wir uns die Wirklichkeit vorstellen? Die ganze Welt und alles, was überhaupt existiert und was existieren könnte — das alles ist so unbeschreiblich, daß wir nicht direkt drüber sprechen können.

Nun leben wir aber in der Wirklichkeit. Wir sind ein Teil von ihr, und unser tägliches Leben spielt sich mitten in ihr ab. Zum Alltag gehört auch Kommunikation. Damit wir aber überhaupt über irgendetwas sprechen können, worüber wir direkt nicht sprechen können, müssen wir es in Worte fassen. Unser Gehirn kann erst dann über etwas nachdenken, wenn es Dingen, Wesen und Erlebnissen Namen gegeben hat. Genau diese Eigenart unseres Gehirns macht es uns auch so schwer, andere Menschen zu vestehen. Stellen Sie sich vor, daß ein Ereignis stattfindet. Was für eins genau das ist, spielt keine Rolle. Jemand, dem das Ereignis gefällt, aus welchen Gründen auch immer, wird es vielleicht als „gut“ oder „positiv“ bezeichnen. Ein anderer, dem das Ereignis nicht zusagt, wird es vielleicht als „schlecht“ oder „negativ“ beschreiben. Und das heißt: In dem Moment, wo wir über die Welt zu sprechen beginnen, fangen die Meinungsverschiedenheiten auch schon an. Und nur, um mich klar auszudrücken: „Sprechen“ steht stellvertretend für Sprache. Egal, ob wir die Welt nun als geschriebenes Wort oder als gesprochenes Wort beschreiben — diese Beschreibung ist immer nur unser Eindruck, unsere Meinung, unsere Erfahrung. Wie lautet der alte Spruch? „Die Katze mag Mäuse, ich nicht. Nicht mal gebraten“. Wenn zwei Menschen auf eine Wiese schauen, dann sieht jeder der beiden eine andere Wiese. Das Grün unterscheidet sich, die Form der Grashalme unterscheidet sich, den Geruch nimmt jeder der beiden anders wahr. Das ist ein wichtiger Punkt: Jeder sieht die Welt anders. Jeder hat seine eigene Meinung.

Wenn eine Familie sich im Garten einen Swimmingpool baut, sieht sie das als großartige Neuanschaffung an: kühle Erfrischung im Sommer, und die Kinder haben was zum Spielen. Der Nachbar ist vielleicht weniger begeistert: Der Anblick des Pools ist ihm ein Dorn im Auge, und die Freudenschreie der Nachbarskinder sind ihm viel zu laut.

Aus Sicht des Daoismus sind diese unterschiedlichen Meinungen einfach nur Teil der Welt. Erst, wenn wir den Teilen der Welt, also Wesen und Dingen, Namen geben, haben wir eine Meinung drüber. Und diese Meinungen sind so verschieden wie die Dinge selbst. Wenn wir „ohne Begierde“ sind, können wir die „Essenz“ des Lebens wahrnehmen. Was heißt das, ohne Begierde zu sein? Im allereinfachsten Sinne bedeutet das, nicht nur an uns selbst zu denken. Wenn man es etwas großzügiger interpretiert, ist „Begierdelosigkeit“ tatsächlich die Bemühung, wunschlos zu sein. Wir versuchen also, uns nichts für uns selbst und nichts für andere zu wünschen.

Das hört sich zuerst mal sehr komisch an, wird aber dann verständlicher, wenn wir uns die Wirkung dieser Wunschlosigkeit ansehen: Wenn wir uns nichts wünschen, sind wir, wie es das Sprichwort schon sagt, „wunschlos glücklich“. Wer keine Wünsche hat, also nicht anders leben will als er es jetzt gerade tut, der ist glücklich. Ihm sind die „unzähligen Dinge“ egal, er ist nicht mehr (oder nicht sehr) von ihnen abhängig. Aber lassen Sie uns am Boden bleiben. Wir alle wissen, daß wir immer (wieder) Begierden haben, und einige davon sind enorm wichtig: Gesundheit zum Beispiel. Begierden sind menschlich. Und trotzdem: „Die Einheit ist das Geheimnis“ — die Einheit der Dinge (dazu gehört auch unsere Begierde) und des Wissens, daß die Dinge in Wirklichkeit nur Teile des Unbeschreiblichen sind. Wenn wir uns bewußt machen, daß wir mal mehr, mal weniger Begierden haben, daß diese Begierden aber Teil der Welt sind, läßt auch langsam der psychische Druck nach, den sie auf uns ausüben, und den wir selbst uns machen. Das ist ein bewährtes Rezept: Wenn Sie merken, daß Sie etwas begehren, gestehen Sie sich das ein. Kein Grund, sich zu schämen. Sie kennen sich selbst am besten — oder zumindest haben Sie die einfachsten und besten Voraussetzungen, es zu tun. Sobald Sie diese Begierde beachten — nicht verdrängen, sondern das Gegenteil –, haben Sie den ersten Schritt zur Erleichterung getan. Wenn Sie das jedesmal tun (oder es zumindest versuchen), hat die Begierde bald keinen großen Reiz mehr auf Sie, oder Sie ergreifen instinktiv die richtigen Schritte.

Verzichten Sie auf das Analysieren!

Das kommt uns im Westen erst einmal komisch vor. Wir sind es gewohnt, „den Dingen auf den Grund zu gehen“, sie „logisch zu betrachten“. Verzichten Sie darauf, denn Analyse wird Sie nicht weiter bringen. Analyse wird sie nicht glücklicher machen. Wer seinen Geist immer weiter mit Wissen füllt, kann im Geist niemals zur Ruhe kommen. Denken Tiere über das Wesen der Welt nach? Insekten? Pflanzen? Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Zu dieser Unbeschwertheit kommen Sie zurück, wenn Sie mit dem Analysieren aufhören.

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