Und immer noch der Dude

 

 

 

 

 

Am 20. August erklärte ich den September zum Monat des Dudeismus, beginnend mit dem 20. August. Warum im August? Zeit und genaue Daten und all das… that’s just, like, your opinion, man. Spontan loslassen, nicht geplant, sonst ist das ja alles schon wieder eine einzige Hetzerei.

Deshalb: Immer noch ist September, und immer noch ist es der Monat des Dudeismus. Eine der wichtigsten Lehren im Dudeismus (in dem ich übrigens zusätzlich zu meinem anderen Geistlichen-Titel seit vier Jahren ebenfalls Geistlicher — „Reverend“ — bin und in den USA rechtlich gültige Ehen schließen darf) ist der Schlüsselsatz, den der Dude am Ende des Films zum Fremden in der Bowlingalley macht: „The Dude abides“ — „der Dude nimmt es hin“.

Der Dude nimmt es hin.

Völlig zu recht wird Dudeismus auch als Daoismus 2.0 beschrieben, die moderne, vom Überflüssigen befreite, abgespeckte Variante. Der Dude geht mit den Dingen, fließt mit dem Strom, nimmt es hin.

Nimmt es hin.

Und wie immer, wenn ich mich wirklich darauf einlasse: Es wirkt fantastisch.

 

 

 

 

 

“Autsch!”, sagte Pu, als er auf dem Boden landete.
“Das passiert, wenn man sich an der Kante eines Schreibtisches Schlafen legt”, sagte ich, “man fällt runter.”
“Ist schon gut so”, sagte Pu.
“Warum?”, fragte ich.
“Ich hatte einen schlimmen Traum”, sagte er.
“Oh?”
“Ja. Ich hatte einen Topf mit Honig gefunden”, sagte er und rieb sich die Augen.
“Was soll daran schlimm sein?”, fragte ich.
“Er hat sich dauernd bewegt”, sagte Pu, “normalerweise bewegen sie sich nicht. Normalerweise stehen sie still.”
“Ja, ich weiß.”
“Aber immer, wenn ich danach griff, bewegte sich dieser Honigtopf woanders hin.”
“Ein Alptraum”, sagte ich. “Viele Menschen haben solche Träume”, fügte ich beruhigend hinzu.
“Oh”, sagte Pu, “Träume von unerreichbaren Honigtöpfen?”
“Träume in der selben Art”, sagte ich, “das ist nicht selten. Das Seltsame ist aber, daß manche Menschen auch so leben.”
“Warum?”, fragte Pu.
“Keine Ahnung”, sagte ich, “ich vermute, weil es ihnen etwas gibt, womit sie sich beschäftigen können.”
“Hört sich für mich nach wenig Spaß an”, sagte Pu.

(“Tao Te Pu”, von Benjamin Hoffmann, meine Übersetzung)

Medizin für das schwächliche Kind

 

 

 

 

 

 

Karma:
Zügel für das kindliche Ego, das “Böses” tun möchte.

Reinkarnation:
Sicherheitsnetz für das kindliche Ego, das das Ende der falschen Identität befürchtet.

Personifizierte Götter:
Ob nun Gott, Unendliche Energie oder irgendein anderer Name, der dem Unbeschreiblichen gegeben wird und den man anschließend um Hilfe bittet, dient als Elternersatz oder Wächter über das schwächliche Ego.

Guru:
die Person, die einen von der Dunkelheit ins Licht führen soll, also auch Priester, Rabbis oder andere spirituelle Führer, ist nichts anderes als das Ego, das zugibt, klein zu sein, aber später mal groß werden will.

Mantra:
Alles von “Om” über “Om mani padme hum”, “Herr Jesus Christus, sei mir gnädig” oder positives Denken ist der Versuch des Egos, sich an etwas Falsch-Positivem festzuklammern.

Satsang:
Das Beisammensein mit weisen Menschen ist nur das schwache Ego, das nach jemandem Ausschau hält, den es für besser hält, und der ihm sachte den Kopf tätscheln soll, mit den Worten: “Alles gut, du bist in Ordnung”.

Meditation:
Das Ego, das in einen Zustand eintritt, den es ständig aufrecht erhalten mag, egal bei welchen Tätigkeiten. Das Ego weigert sich, Veränderung und den Fluß der Dinge anzunehmen, weil es so zerbrechlich ist. Und sucht deswegen nach einem Ort, an dem keine Bewegung stattfindet.

Religion:
Das kindliche Ego, das sich wünscht, sich mit dem wiederzuvereinen, von dem es nie getrennt war.

Yoga:
Das kindliche Ego, das sich wünscht, das unter ein Joch zu zwingen oder sich mit dem zu vereinen, von dem es nie getrennt war.

 (Danke an meinen Kollegen Son Beam)

Wenn das Loslassen zur Arbeit wird, halt ich lieber fest (September ist Dudeismus-Monat)

Vor einigen Tagen schrieb ich über die zwei Methoden, die mir in den dunkelsten Tagen meines Lebens wirklich geholfen haben: Dudeismus (= Daoismus 2.0) und  Magie.

Heute will ich noch einen Schritt weiter gehen und eine Ankündigung machen: Den Rest des August und der gesamte September erkläre ich zum Dudeismus-Monat. Ja, das ist mehr als ein Monat. Aber mach dich mal locker. Genau darum geht’s ja.

Natürlich könnte ich, wenn ich denn wollte, alles richtig schön kompliziert machen. Also beispielsweise sagen, daß alles, was wir wahrnehmen, nur in uns entsteht und dementsprechend Denkanstoß für eine andere, sprich: nichtduale, Weltsicht sein sollte.

Derr gute Nisargadatta Maharaj soll ja mal folgendes gesagt haben: „Alles existiert einzig und allein im Bewusstsein“. Woraufhin ein Besucher fragte: „In meinem oder in Ihrem Bewusstsein?“. Nisargadatta antwortete mit „Das ist irrelevant, denn die Unterscheidung zwischen meinem und deinem Bewusstsein erscheint auch nur im Bewusstsein“

Hach! Klingt das nicht wunderbar erleuchtet? Und doch, wenn wir die Sache mal näher betrachten, ist es alles nur eine Anhäufung von Wörtern. „Alles existiert einzig und allein im Bewußtsein“ ist so schwammig, daß es alles und nichts bedeuten kann. Es ist ein Konzept, eine Theorie, für die es eine einzige Methode zur Verifizierung oder Falsifizierung gibt: die eigene Erfahrung. Und die kann eben bei jedem von uns völlig anders aussehen. Meine Erfahrungen mit Animismus beispielsweise deuten auf das komplette Gegenteil hin. Was stimmt jetzt? Für MICH stimmt, was ich erfahre. Für Nisargadatta stimmte offensichtlich, was er erfahren hatte, und das war mit Sicherheit kein animistisches Erlebnis.

„Du mußt nur das Loslassen üben“, entgegnen dann die Nonduality-Experten einstimmig. Und doch fallen sie alle, ALLE, ohne Ausnahme wieder in dualistische Weltsichten zurück, wenn sie nicht aufpassen. Also ist konstante, fortwährende Arbeit an der eigenen Wahrnehmung gefordert.

Boah. Ist das anstrengend.

Mir erscheint es klüger, mit dem zu arbeiten, was uns mitgegeben wurde — und da gehört für mich persönlich auch dazu, zwischen “dir” und “mir” zu unterscheiden. Diese Trennung, so behaupten viele Nondualisten, ist es, was uns Menschen unglücklich macht. Das allerdings ist überhaupt nicht meine persönliche Erfahrung. Es gibt genügend Menschen, die Zeit ihres Lebens zwischen „ich“ und „du“ unterschieden haben, die aber sehr zufrieden/glücklich sind.

Bhagwan sagte mal: “Wer glücklich ist, braucht keine Meditation”. Mit Meditation meinte er alle Methoden, irgendetwas in einem selbst irgendwie zu verändern. Was ist uns lieber? Irgendeine „Wahrheit“ („alles ist eins“, „es gibt Gott, und es gibt den Rest“, usw) zu wissen, oder glücklich zu sein? Natürlich kann ich glücklich sein, weil ich eine “Wahrheit” erkannt habe. Ich kann aber auch glücklich sein, ohne eine “Wahrheit” zu kennen.

Deshalb: Der Dude weiß bescheid. Ich kann mir wegen diesem Mist einfach keine Sorgen machen. Zurücklehnen und zusehen, und du weißt, wann du wie handeln mußt. Beziehungsweise: Du weißt es nicht, du machst es einfach intuitiv.

Spiritualität: Was wirklich was taugt

Wißt ihr, ich bin seit etwas mehr als 30 Jahren in der spirituellen „Szene“ involviert; sowohl als Schüler als auch als Lehrer. Ich war in vielen verschiedenen Schulen aktiv, Nordisches/Germanisches Heidentum, philosophischer Daoismus, Zen, Westlicher Zen und Magick (das echte Ding mit einem ‚ck‘), Hinduismus, Volkschristentum, Dudeismus, Buddhismus (Dharma Punx FTW!) und Stoizismus.

Wenn die Sonne scheint, funktioniert jedes System perfekt. Keine Probleme, kein Nageltest, sozusagen. Alles sieht gut aus, wenn es nicht regnet.

Aber in den dunkelsten, dunkelsten Zeiten meines Lebens, in Leben-oder-Tod-Situationen, was mir da geholfen hat, waren genau zwei Dinge: Magie und Dudeismus / Daoismus.

Magie – weil sie mir hilft, Wahrscheinlichkeiten zu verschieben, die Chancen zu vergrößern, die Waage zu meinen Gunsten anzustoßen. Und Magie, weil sie mir hilft, ganz nahe an Götter und andere körperlose Wesen zu kommen. Was sehr hilfreich ist, um es gelinde auszudrücken.

Dudeismus – weil er mir Bodenhaftung gibt, mich sagen läßt: „Weißt du was, Schicksal / Gott / Götter? Fickt euch, euch alle. Ich bleibe hier, und ich werde tun, was mir hilft, daß es wieder besser wird. „Ich kann mir über diesen Scheiß keine Sorgen machen. Das Leben geht weiter, Mann.“

Warum schreibe ich das?

Weil unsere Zwillingsmädchen (2 Jahre) heute seit 7 Stunden schreien, weinen, beißen und kratzen. Seit. Sieben. Verfickten. Stunden. Das passiert sehr oft. Und nichts, keine Strategie, kein psychologischer Trick, kein verdammtes Nichts, hilft. Außer Magie, um mich zu erden und zu sehen, dass es sinnlos und herzlos ist, zu überreagieren, und Dudeismus, weil ich akzeptieren muss, daß das Trotzalter tatsächlich eine schreckliche Phase im Leben unserer Kinder ist.

Danke fürs Zuhören.